Das innere Kind – und sein Weg in die Welt
Die Frau schrie laut: „Ich will nicht mehr, ich gehe jetzt nach Hause!“ Die Ärztin achtete gar nicht auf sie und schaute nach dem Köpfchen, das schon zu sehen war …
Die Frau schrie laut: „Ich will nicht mehr, ich gehe jetzt nach Hause!“ Die Ärztin achtete gar nicht auf sie und schaute nach dem Köpfchen, das schon zu sehen war. Die Hebamme sprach beruhigend auf die Frau ein und sagte: Noch mal pressen – und dann ist es gleich da.
Die wunderbare Wucht des Lebens
Nach dem Abitur machte ich ein Hebammenpraktikum und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich dabei war, als ein Neugeborenes zur Welt kam. Vorher hatte ich schon als Aushilfe in der Inneren gearbeitet – und bin dort das erste Mal dem Tod begegnet. Jetzt traf mich das Leben mit voller, wunderbarer Wucht.
Die Frau schrie noch einmal laut und dann rutschte das Baby aus ihr heraus. Nass, glitschig, verschmiert, verschrumpelt. Aber ein großes und einzigartiges Wunder, das sich neun Monate in ihrem Bauch entwickelt hatte. Ein fertiger kleiner Mensch, der mir die Tränen in die Augen trieb.
Als die Mutter es im Arm hielt, war aller Schmerz vergessen. Und kein Gedanke mehr daran, dass sie eben noch lieber nach Hause gegangen wäre. Sie und der Vater schauten sich stumm und dankbar an und staunten über das kleine Wesen, das da zu ihnen gekommen war.
Das Wunder der Geburt
Es gab noch einige Geburten, bei denen ich dabei war. Eine Frau, zart und zierlich, Bildhauerin. Sie atmete konzentriert, hatte die Augen geschlossen und brachte ihr Kind ganz still und versunken zur Welt. Eine andere beschimpfte ihren Mann, warum er ihr das angetan habe.
Und eine türkische Frau überwältigte mich mit ihrem vitalen Urschrei, mit dem sie den Weg für ihr Kind bahnte.
Damals wurde mir bewusst, was für ein Wunder jede Geburt ist. Und was für eine Urgewalt. Von welch unglaublichen Emotionen sie begleitet wird. Welche Gefahren sie auch mit sich bringt.
Ich durfte sehen, was für einen innigen und glückseligen Moment Eltern in diesem Moment miteinander teilen. Und fragte mich damals, wie man sich danach je wieder trennen kann.
Kopf an Kopf auf die Welt
Meine eigene Geburt war wohl ziemlich dramatisch. Ich kam mit den Füßen zuerst auf die Welt und der Sauerstoff wurde schon knapp. Zwei Minuten nach mir kam meine Zwillingsschwester, Kopf an Kopf mit mir. Meine Eltern wussten vorher nichts von dem doppelten Kindersegen.
In den 60er Jahren gab es noch keinen Ultraschall. Ich glaube, die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Sie waren 19 und 20 Jahre alt. Vom plötzlichen, ungeplanten Familienglück ihrer Freiheit beraubt, die sie gerade erst kennengelernt hatten. Endlich raus aus den zu engen Elternhäusern. In verrauchten Kneipen die Nacht durchmachen, Beatles und Rolling Stones hören und Schnapsgläser an die Wand werfen.
Und jetzt war die Verantwortung für zwei kleine Baby über sie hereingebrochen, die eigentlich eine Nummer zu groß für sie war.
Unser Ankommen auf die Welt – und die Energie des inneren Kindes
In einer Fortbildung wurde uns die Frage gestellt, wie wir auf die Welt gekommen sind. Weil dieses Ankommen auf der Welt oft mit einem Grundgefühl in unserem Leben zu tun hat. In mir tauchte sofort das Bild auf, wie ich kaum noch Luft bekam und Platz für meine Schwester machen wollte, die ja auch noch auf dem Weg war. „Ich muss mich beeilen und schnell machen“. Das ist auch oft mein Grundgefühl im Leben.
Bloß nicht zu viel Zeit beanspruchen, damit noch genug Raum für die anderen bleibt. Mich in Gruppen kurzfassen, schnell auf den Punkt kommen, sonst reicht die Zeit nicht für alle.
Der innere Antreiber – seit meiner Geburt an meiner Seite
Der innere Antreiber, der sagt: Beeil dich. Er ist in meinem Leben sehr präsent. Steht ständig hinter mir, tippt mir auf die Schulter, trommelt mit den Fingern auf dem Tisch. Ich versuche, mich kurz zu fassen, Dinge schnell zu erledigen, werde immer besser in Multitasking.
Aber mein innerer Antreiber ist nie zufrieden. Seit meiner Geburt ist er an meiner Seite. Seit ich verstanden habe, dass er eine gute Absicht für mich hatte, können wir uns öfter die Hand reichen und gemeinsam Pause machen. Den Raum spüren, der für mich da ist. Ohne mich beeilen zu müssen.
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Wie ist die Geschichte deiner Geburt?
Wie ist die Geschichte deiner Geburt? Welche Energie hat sich damals an deine Seite gestellt und begleitet dich vielleicht auch heute noch in deinem Leben?
Schreibimpuls: Schreibe über deine Geburt, über das, was du darüber gehört hast, was dir erzählt wurde. Und fange die Energie ein, die du mit ihr in die Welt gebracht hast.
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Herzliche Grüße
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Alexandra Cordes-Guth
Systemische Therapeutin (SG), Schreib- und Poesietherapeutin. Seit 2005 begleite ich Menschen dabei, gelassener mit beruflichen Herausforderungen und eigenen Selbstzweifeln umzugehen. Autorin von 6 Büchern und Entwicklerin der Glückskindstrategie.
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